Nichts mehr müssen müssen

„Kein Mensch muss müssen.“ Dieser Satz aus „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing ist mir bereits zu Schulzeiten begegnet und hat sich seitdem fest in meinem Kopf verankert. Er ist eine Art Mantra für mich, aber, wenn man’s genau nimmt, eins, dass ich eher halbherzig befolgt habe. Vom „nichts mehr müssen“ war ich bisher nämlich ziemlich weit entfernt. Denn anscheinend muss ich ja doch ganz viel:

  • Ich muss nachher noch einkaufen.
  • Davor muss ich bei der Versicherung anrufen.
  • Dann muss ich das Mittagessen kochen.
  • Zwischendurch muss ich den Nachwuchs noch wickeln.
  • Und nach einem langen Tag muss ich abends auch noch meditieren.

Muss ich das wirklich alles?

Ich muss gar nichts, ich will!

  • Ich will nachher noch einkaufen, damit ich was Leckeres zu essen kochen kann.
  • Davor rufe ich bei der Versicherung an, weil ich noch eine Information benötige.
  • Dann koche ich das Mittagessen.
  • Zwischendurch wechsle ich die ein oder andere Windel.
  • Und nach einem langen Tag will ich, trotz fortgeschrittener Stunde, noch meditieren.

Zu nichts werde ich gezwungen, aber wenn ich mir selber manchmal im Alltag so zuhöre erweckt das fast den Anschein. Denn, ständig sage ich, was ich nicht noch alles machen muss. Pardon, SAGTE ich, denn ich will nichts mehr müssen. Irgendwie suggeriert dieses „Müssen“ doch den totalen Stress. Dass ich da überhaupt noch Zeit für schöne Dinge habe, so busy wie ich bin… Seitdem mir das bewusst geworden ist, versuche ich das Wort „müssen“ durch passendere zu ersetzen.

nichts mehr müssen

Ab sofort nichts mehr müssen

Natürlich treib ich das jetzt nicht auf die Spitze, indem ich das Verb „müssen“ komplett aus meinem Wortschatz verbanne, denn manche Dinge muss man einfach. Zum Beispiel sich mit Sonnencreme einreiben, damit man keinen Sonnenbrand bekommt. Wenn der Tank meines Autos leer ist, muss ich auch tanken, damit ich weiter fahren kann. Auch auf die Toilette muss ich.

Darüber hinaus müssen Pflichten erfüllt werden. Und genau da liegt der Knackpunkt, denn etwas wirklich zu müssen ist, wenn man mal genau darüber nachdenkt, meistens eine Pflicht. Alles, was ich vermeintlich muss als Pflicht anzusehen, kommt aber gar nicht in die Tüte. Mein Ziel ist ja auch nicht gar nichts mehr zu müssen. Lediglich den inflationären Gebrauch des Wortes will ich einschränken.

Aber nicht nur das.

Nichts mehr müssen zu wollen heißt auch, Dinge wirklich nicht mehr zu tun. Dazu gehört neuerdings etwas, für das ich gerne mal verwunderte Blicke ernte. Vor einiger Zeit habe ich nämlich für mich entschieden keine Nachrichten mehr zu konsumieren.

Aber du musst doch informiert sein

Ach, muss ich das? Sagt wer? Klar, sollte man sich vor dem politischen Weltgeschehen und sonstigen wichtigen Ereignissen nicht verstecken. Ist auch nicht meine Absicht. Darüber hinaus geht das auch gar nicht, zumindest in der Zivilisation in der ich offensichtlich lebe. Denn trotz des bewussten Verzichts auf die klassischen Nachrichten, bekommt man auf zahlreichen anderen „Kanälen“ genug mit. Schließlich renne ich ja auch nicht mit zugehaltenen Ohren und „Lalala“ singend aus dem Raum, wenn irgendwo eine Nachrichtensendung läuft.

Wogegen ich mich sträube ist viel mehr die Flut an Informationen, die uns überrollt, ob wir wollen oder nicht. Informationsmüll sozusagen. Natürlich bin ich in der Lage ihn rauszufiltern, aber einmal konsumiert lässt er sich nicht mehr aus meinem Kopf verbannen.

Nichts mehr müssen Minimalismus

Weniger Medienkonsum

Weder die Medien wie Radio, Fernsehen und Zeitungen, noch die sozialen Netzwerke interessieren sich dafür welchen Informationsmüll sie auf ihren Konsumenten abladen. Mich interessiert das aber und deshalb hab ich auch beschlossen, dass ich diesen, nicht mehr konsumieren muss. Ich muss keine Schauergeschichten in meinen Kopf lassen. Besonders seit ich Mutter bin, reagiere ich auf viele Themen sehr sensibel, welche das sind, muss ich hier wohl kaum ausführen.

Für besondere Verwunderung sorgt die Entsagung der Nachrichten allem vor dem Hintergrund, dass ich selbst als Nachrichten-Redakteurin gearbeitet habe. Aber daher weiß ich eben auch „wie der Hase läuft“. Themen werden natürlich nach Wichtigkeit ausgewählt, aber häufig genug auch nach Sensation. Zudem werden manche Dinge gerne stärker aufgebauscht als nötig. Das sind nur ein paar Punkte, aber eben auch Punkte, die mich zusätzlich in meiner Entscheidung bestärken diese Art von Informationsminimalismus zu betreiben.

Der positive Effekt des Ganzen: man geht weniger ängstlich durch’s Leben und folglich auch glücklicher und gelassenerKeinesfalls bedeutet das, dass ich gleichgültiger werde und schlimme Dinge ausblende, ich schütze mich einfach vor unnötigen Informationen. Denn ich will beim besten Willen keine Informationsmüllhalde sein.

Kannst du denn noch mitreden? 

Bei den wichtigsten Themen sicherlich, denn, wie schon erwähnt, kommt man einfach nicht drum herum. Außerdem informiere ich mich zu bestimmten Themen allein aus Interesse, dann aber eben gezielt. Darüber hinaus mag ich Polit- und Mediensatiren und da spielen Nachrichten schließlich die größte Rolle.

Das ist aber nicht konsequent. Dazu sag ich ganz bewusst: Muss es auch nicht sein!