Bedürfnisorientierte Erziehung ist kein Wettbewerb

Meinen Sohn nach der Geburt im Tragetuch zu tragen, war für mich praktisch und etwas ganz normales. Ihn bei uns im Familienbett schlafen zu lassen ebenso. Mal mit, mal ohne Einschlafbegleitung. Außerdem habe ich ihn 18 Monate lang nach seinen Bedürfnissen gestillt und hätte es noch länger getan, wenn das möglich gewesen wäre. (Warum es das nicht war, lest ihr hier.) Nicht, weil ich das Gefühl hatte, das alles tun zu müssen, sondern weil ich es wollte. Ja, das ist im Sinne einer bedürfnisoientierten Erziehung. Aber macht mich das zu  deshalb zu einer besseren Mutter als andere?

Bedürfnisorientierte Erziehung Attachement Parenting

Ganz oder gar nicht – wirklich?

Ich bin ein absoluter Befürworter der bedürfnisorientierten Erziehung, denn ich finde, dass sie viele alte, längst überholte Methoden gut erklärt widerlegt. Bei manchen wurde es auch allerhöchste Zeit. Aber zwei Sachen stören mich als Begleiterscheinung des sogenannten Attachment Parenting extrem: Zum Einen dieser häufig daraus resultierende vermeintliche Zwang nach Perfektion und zum Anderen die Verurteilung anderer.

Ich lese Artikel und Ratgeber zum Thema und trotzdem oder genau deswegen habe ich das Gefühl, es nie 100-prozentig richtig zu machen. Pardon, hatte ich! Denn ich habe mich von diesem Druck befreit. Ja, ich befürworte das bedürfnisorientierte Erziehen, aber ich kann und muss es nicht in jeder Sekunde hundertprozentig leben. Wie in so vielen Lebenslagen strebe ich danach, aber Perfektion ist nicht das Ziel.

Susanne Mierau hat in ihrem Buch „Geborgene Kindheit“ viele wundervolle Worte für das bedürfnisorientiere Leben mit Kindern gefunden, unter anderem diese:

Menschen müssen nicht perfekt sein. Eltern müssen nicht perfekt sein. Im Gegenteil: Es reicht, gut genug zu sein. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern liebevolle, authentische Eltern. Sie wollen von uns die gesamte Breite des Lebens kennenlernen, nicht nur die rosarote Sonnenseite. Das bedeutet nicht, dass wir schlecht mit ihnen umgehen sollen, aber es bedeutet, dass wir nicht alles auf die Goldwaage zu legen brauchen und uns einfach auch selbst liebevoll betrachten dürfen – nicht nur unsere Kinder. Wir dürfen uns von Zeit zu Zeit einfach auch selbst auf die Schulter klopfen und uns sagen: „Es läuft nicht alles rund, aber es ist gut, wie es ist.“

Weg von der Perfektion

Dass es Mütter gibt, die sich durch die bedürfnisorientierte Erziehung dennoch unter Druck gesetzt fühlen, habe ich erst gestern wieder gelesen. Es war ein Post bei Instagram, der mich nicht nur wütend, sondern regelrecht traurig gemacht hat. Die Essenz daraus war, sehr kurz gefasst, dass sich die Mutter überfordert gefühlt hat. In erster Linie deshalb, weil sie auf Instagram immer wieder von Müttern liest, bei denen die bedürfnisorientierte Erziehung auf Augenhöhe scheinbar mühe- und ausnahmslos funktioniert.

Aber wie so oft ist Instagram kein Abbild der Realität, sondern lediglich ein Ausschnitt daraus. Denn wenn wir uns an Social Media messen, können wir eigentlich nur versagen. Instagram zeigt nun mal selten den schlechten Tag mit Kind, das unordentliche Wohnzimmer oder den Kuchen, der im Ofen verbrannt ist. 

Aber ich bin deshalb ja keine schlechtere Bäckerin, nur weil ich mal einen Kuchen versemmel. Genauso wenig bin ich eine Mutter, die in der bedürfnisorientierten Erziehung versagt, nur weil sie mal nicht wie auf Seite 122 in Ratgeber „Soundso“ beschrieben, gehandelt hat.

Hin zur Authentizität

Es gibt Tage, da weiß ich, dass es mir schwer fallen wird jedem Bedürfnis meines Kindes richtig oder besser gesagt, angemessen zu begegnen, aber das akzeptiere ich. Ich gebe euch ein Beispiel:

Einmal im Monat bin ich PMS-bedingt nicht so gut drauf wie sonst. Welche Frau kennt das nicht?! Meistens kann ich mich und meine Gefühlswelt dann schlechter kontrollieren als sonst. Das heißt, wenn mein Sohn sich zum dritten Mal morgens die Hose wieder auszieht, obwohl es längst Zeit ist in den Kindergarten zu gehen, dann reißt mir der Geduldsfaden an solchen Tagen wesentlich schneller und vielleicht auch impulsiver. In diesen Momenten gelingt es mir auch nur selten abzurufen, was im Sinne der bedürfnisorientierten Erziehung jetzt wohl am besten zu tun wäre.

Ich weiß zwar, dass ich in solchen Situationen vieles besser machen könnte, aber nicht immer klappt das auch. Was ich aber tun kann ist, diese Momente im Nachhinein zu reflektieren. Und zu hinterfragen, was ich ändern kann, damit es beim nächsten Mal für uns beide (!) besser läuft. Denn bedürfnisorientiert Erziehen, bedeutet für mich:

Bedürfnisorientierte Erziehung für alle

Mein Kind bedürfnisorientiert zu erziehen gelingt, meiner Meinung nach, nur dann, wenn ich mir meine eigenen Bedürfnisse zugestehe. Gleichwertig! Denn Selbstaufgabe des Kindes zuliebe, damit tut sich niemand einen Gefallen, weder sich selbst, noch dem Kind. Auch ich muss mich dazu anhalten meinen Bedürfnissen zu folgen und unser aller Bedürfnisse miteinander zu vereinbaren.

Dazu nützt es nichts jeden Tipp aus jedem Ratgeber zu befolgen, um bedürfnisorientiert zu leben. Nicht jeder Moment des Tages muss und kann für alle optimal laufen. Aber das ist, wie schon Susanne Mierau schrieb, nicht Sinn und Zweck des Ganzen. Deshalb sollten wir lernen uns damit weniger zu stressen und nicht für Fehler, die passieren, zu verurteilen.

Nicht verurteilen, sondern verstehen

Sich selbst zu verurteilen ist das Eine, eine andere Mutter – womöglich aufgrund eines kurzen Ausschnittes aus ihrem Leben – zu verurteilen das Andere.

Egal, ob es die Mutter mit dem Handy auf dem Spielplatz ist oder die Mutter die das Kind, gegen seinen Willen aus dem Geschäft zerrt oder sogar die Mutter, die ihr Kind abends schreien lässt. Ja, das eine ist gravierender als das andere, aber wir kennen die Umstände nicht!

Das, was uns Müttern damals eine Psychologin in der Mutter-Kind-Kur erzählt hatte, warf beispielsweise ein vollkommen neues Licht auf diese berüchtigten Schlaftrainings. Sie sagte nämlich, dass solche Bücher allein aus dem Grund geschrieben werden, damit Eltern ihren Kindern nichts noch schlimmeres antun als sie schreien zu lassen. Und wir alle kennen die Geschichten von Babys die zu Tode geschüttelt wurden, weil die Eltern vollkommen verzweifelt und nervlich am Ende waren. Schreien lassen ist kein schöner Weg, aber vor diesem Hintergrund wahrscheinlich der bessere.

Natürlich sollte das nicht aus reiner Bequemlichkeit erfolgen. Ich glaube aber auch, dass es für viele Mütter eher aus einer Art Hilf- und Ratlosigkeit heraus geschieht. Jeder hat eben eine andere Selbsterhaltungs-Grenze und wo die liegt, weiß nur diejenige Mutter selbst. Auch ich hatte eine Phase in der mir der Schlafentzug und das ständige Funktionieren müssen arg an die Substanz ging. Ich habe aber schnell gemerkt, dass das Schlaftraining nicht unser Weg ist und ich es einfach nicht ertrage mein Kind schreien zu lassen.

Dass ich damals für mich einen alternativen Umgang mit der Situation gefunden habe, habe ich sicher auch einigen Ratgebern zur bedürfnisorientierten Erziehung sowie Tipps anderer Mütter, die bedürfnisorientiert erziehen, zu verdanken.

Bedürfnisorientierte Erziehung Attachement Parenting

Besser ein Tipp zu viel als zu wenig

Dennoch: So wertvoll Tipps aus Ratgebern, Artikeln, Social Media und von anderen Müttern auch sein können, nicht jeden davon müssen wir umsetzen. Sie sind keine Navigationsgeräte, die uns sagen, wo’s lang geht, sondern lediglich Landkarten, die uns zur Orientierung dienen. Den Weg müssen wir schon selbst gehen und sich dabei mal zu verlaufen, gehört eben dazu. Zwar wird es deshalb immer wieder Momente geben, die uns zweifeln lassen, aber das ist auch okay. Sie sollten uns nur nicht verzweifeln lassen.

Noch ein Tipp von mir: Wenn ihr in irgendeiner Situation immer wieder an dieselben Grenzen stoßt, dann denkt daran, es gibt (in den meisten Fällen) auch noch einen Papa. Lasst ihn einfach mal machen. Er ist in manchen schwierigen Situationen vielleicht weniger voreingenommen als ihr, weil er beruflich bedingt, das Kind seltener sieht. Folglich hat er die Situation im Gegensatz zu euch nicht schon zig Mal am Tag durchlebt. Da ist es meiner Meinung nach vollkommen legitim, die Verantwortung auch mal abzugeben.

Denn (bedürfnisorientierte) Erziehung ist immer noch Elternsache, nicht nur Muttersache. 

 

Meine Buchempfehlungen zum Thema (Hierbei handelt es sich um Affiliate Links. Wenn ihr über diesen Link den Artikel kauft, erhalte ich dafür eine kleine Provision. Euch kostet das keinen Cent extra.):

Geborgen wachsen: Wie Kinder glücklich groß werden und Eltern entspannt bleiben

Geborgene Kindheit: Kinder vertrauensvoll und entspannt begleiten

Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn: Der entspannte Weg durch Trotzphasen

Erziehungsstile: Ja, welchen nehm ich denn?

Erziehe ich so wie mich meine Eltern erzogen haben? Erziehe ich mein Kind wie meine Freundin ihres erzieht? Ist das nun autoritär oder antiautoritär? Ach und hey, was ist eigentlich mit der bedürfnisorientierten Erziehung? Erziehungsstile über Erziehungsstile. Aber welcher ist nun der Richtige? Puh, gar nicht so einfach! Und überhaupt, muss es denn für alles immer eine Bezeichnung, ein Label geben? Ich finde nicht. Deshalb hab ich mir mal ein paar Gedanken dazu gemacht, was Erziehung für mich ist.

Erziehungsstile

Tue ich das Richtige?

Erziehung ist, auch wenn es nicht schön klingt, Arbeit. Ein Kind zu erziehen läuft nicht wie von selbst, es geht nicht nebenher, wir können dabei nicht tun und lassen was wir wollen. Nein, Erziehung verlangt uns Eltern ganz schön was ab. In erster Linie Arbeit an uns selbst, denn wir müssen uns fragen, was wir für richtig halten, was wir vertreten und durchziehen können. Wir müssen uns mit dem Partner abstimmen, an einem Strang ziehen. Und am besten nicht heute so und morgen so.

Vieles, was wir machen, machen wir schon intuitiv richtig, davon bin ich fest überzeugt. Auch ohne irgendwelche schlauen Erziehungsratgeber gelesen zu haben. Einfach aus dem Grund heraus, weil wir vernunfthandelnde Menschen mit Gefühlen sind. Trotzdem gibt es Situationen, in denen ich einfach nicht weiß, ob ich das Richtige tue, weil ich die Situation nicht kenne. Gerade da hab ich natürlich Angst „etwas falsch zu machen“. Um das zu vermeiden, hilft es mich zu informieren wie ich mich in solchen Situationen am besten verhalte. Ob das nun durch Gespräche mit anderen Müttern oder Vorschläge aus Erziehungsratgebern sind ist unterschiedlich.

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Hand in Hand geht’s am besten

Ich bin keine perfekte Mutter?!

Gerade in den sozialen Netzwerken lese ich immer wieder von Müttern, die in bestimmten Situationen nicht so reagiert haben wie sie es sich für sich und ihre Kinder gewünscht haben. Ich kenne diese Situationen, die, in denen man lauter wird als man eigentlich jemals sein wollte, in denen man das Kind wütend irgendwo wegzieht, weil es zum hundertsten Mal das tut, was es nicht soll. Ich kenne das Gefühl des völligen genervt Seins. Und ich kenne die Gedanken, Vorwürfe und Selbstzweifel, die einen danach befallen.

Warum konnte ich in dem Moment nicht gelassener bleiben, besonnener reagieren, über den Dingen stehen? Bin ich überhaupt eine gute Mutter? Nein, Stop! Diese Frage stell ich mir nicht (mehr), denn ich weiß, dass ich eine gute Mutter bin. Und EIN unbesonnenes Verhalten macht aus mir noch keine schlechte Mutter. Vielmehr lehrt es mich, mein Verhalten zu reflektieren und es beim nächsten Mal besser zu machen.

Die Situation als Mutter (und Vater) ist neu. Da kann ich nicht von mir selbst verlangen sofort alles richtig zu machen. Es ist ein Lernprozess. Quasi learning bei doing. Je mehr ich mir das immer wieder bewusst mache und je mehr ich verinnerliche nicht perfekt sein zu müssen, perfekt sein zu können, desto besser kann ich mit den eigenen Schwächen und Unsicherheiten umgehen.

Erziehungsstile 1
Auch „Peppa Wutz“ gucken macht aus mir keine schlechte Mutter

Bessere oder schlechtere Erziehungsstile

Erziehung braucht Geduld, Geduld mit dem Kind und Geduld mit sich selbst. Aber auch Konsequenz. Ja, ich versuche meinen Sohn unter Berücksichtigung seiner Bedürfnisse zu erziehen, aber nicht im Weichspülgang. Denn mein Kind im Weichspülgang zu erziehen, halte ich auf lange Sicht gesehen nicht für das beste. Dabei geht es nicht darum zu zeigen wer der „Herr im Haus ist“ oder eine Grenze nach der anderen zu setzen. Es geht darum, dass Kinder irgendwann im Leben auch mal mit Enttäuschungen, mit Verneinungen, mit Dingen fertig werden müssen auf die wir sie als Eltern vorbereiten sollten. Wenn nicht sogar müssen.*

Denn ich kann das noch in einem behüteten, geschützten Rahmen tun ohne böse Absichten dahinter. Später in der Schule, im Berufsleben oder wo auch immer, wird kein anderer Mensch darauf Rücksicht nehmen, ob mein Sohn immer seinen Willen bekommen hat oder nicht. Kinder sollten mit negativen Gefühlen umgehen können und wir Eltern haben die Möglichkeit ihnen das in einem liebevollen Umfeld beizubringen.

„Nein!“ sagen (und auch meinen!) oder mal keine Lust haben mitzuspielen ist in einem gewissen Rahmen für mich vollkommen okay. Denn wie sonst soll sich dieser kleine, heranwachsende Mensch irgendwann mal in der Welt behaupten können, wenn er merkt, dass ihm nicht jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird? Wie soll er lernen sich selbst zu beschäftigen oder auch mal mit Langeweile (die übrigens sehr wichtig für die Entwicklung ist) umzugehen?  Wie soll er wissen, dass er auch auf die Bedürfnisse anderer Menschen Rücksicht nehmen muss? Irgendjemand sollte ihm das zeigen und, wenn ich mir aussuchen kann, wer das sein soll, dann bin das ich oder mein Mann.

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Putzen? Macht er freiwillig, das hat mit Erziehung nichts zu tun.

Erziehung beginnt da wo die Bequemlichkeit aufhört

Erziehung ist etwas, wo ich mich selber hinterfragen muss. Wo ich mir die Frage stellen muss, ob das alles so gut und richtig ist, was ich mache. Mache ich gewisse Dinge vielleicht auch einfach nur aus einer Bequemlichkeit heraus oder weil ich sie so kenne? Denn der einfachste Weg ist nicht immer der beste. Ja, Erziehung ist Arbeit, aber schöne Arbeit. Denn es geht um etwas Schönes, um die Kinder.

Um sie zu liebevollen, verantwortungsvollen und rücksichtsvollen Erwachsenen heranreifen zu lassen, haben wir Eltern unsere eigenen Erziehungsstile. Da gibt es kein richtig oder falsch. Ausgenommen natürlich da, wo es um die Entwicklung physischer und psychischer Gewalt geht. Und ich sage bewusst Entwicklung, denn wo eine von beiden anzutreffen ist, ist es eigentlich schon zu spät. Zum Glück lassen es die wenigsten so weit kommen. Das zeigt doch eigentlich auch, dass das, was wir machen gar nicht so verkehrt sein kann, egal wie wir es benennen. Oder?

 

*Im Kleinkindalter von gerade mal 22 Monaten mag das alles noch verfrüht und in der Form gar nicht umsetzbar sein, aber ab einem gewissen Alter, wenn mein Sohn Dinge besser versteht, halte ich das für einen vernünftigen Weg.

Mutter-Kind-Kur mit Kleinkind – Meine Erfahrungen

In eine Mutter-Kind-Kur mit Kleinkind zu fahren ist ein Wagnis. Aber eins, das sich lohnt! Wer sich diesem Wagnis ebenfalls stellen möchte, erfährt hier, was einem in drei Wochen Kuraufenthalt so alles passieren kann. Natürlich fährt man als Mutter mit gewissen Erwartungen zu so einer Mutter-Kind-Kur, aber es wäre gut diese nicht zu hoch anzusetzen. Am Ende kann man nur (positiv) überrascht werden. Bevor ich aber zum eigentlichen Aufenthalt komme, beschreibe ich erst mal den Weg dorthin.

Mutter-Kind-Kur mit Kleinkind

Wie komme ich zu einer Mutter-Kind-Kur?

Warum man in eine Mutter-Kind-Kur fährt, kann unterschiedliche Gründe haben. Am besten spricht jeder, der sich für eine solche Kur interessiert, mit seinem Hausarzt und/oder seinem Kinderarzt darüber. Genau das hab ich getan und zuvor bereits online von meiner Krankenkasse das entsprechende Formular zur Beantragung der Mutter-Kind-Kur ausgedruckt. Denn das muss von beiden Ärzten ausgefüllt werden. Der Antrag ging dann per Post zu meiner Krankenkasse und wenige Tage später hatte ich erfreulicherweise deren Zusage im Briefkasten. Über das sogenannte Gesundheitsservice Management, das mich kontaktiert hat, wurde dann Kurort und Kurzeitraum abgestimmt.

Was meinen gewünschten Kurort an der See angeht, so hab ich den nicht bekommen. Hätte ich, aber nicht so zeitnah wie ich es mir gewünscht habe. Deshalb habe ich mich für einen zeitlich deutlich eher verfügbaren Alternativkurort entschieden und diese Entscheidung zu keinem Zeitpunkt bereut.

Vor Ort in der Mutter-Kind-Kur mit Kleinkind

Der erste Eindruck war gut. Mein Sohn und ich wurden freundlich empfangen und hatten eine angenehme Unterkunft. Es wimmelte nur so vor Müttern, einigen Vätern oder Omas (meistens als Begleitperson für Frauen, die mit mehr als einem Kind angereist sind) und natürlich Kindern.

Ein bisschen erinnerte das an einen All-Inclusive Urlaub auf Mallorca mit dem Unterschied, dass das Zentrum des Hotels kein Pool war, sondern ein riesiger Kinderspielplatz. Das Buffet hätte sicher auch auf Mallorca ähnlich ausgesehen, aber nach alkoholischen Getränken hat man in der Klinik lange suchen können. Eben kein Urlaub, sondern eine Kur.

Nicht nur ich hatte in den ersten Tagen viele neue Eindrücke zu verarbeiten, auch der Nachwuchs musste erst mal verstehen, was hier gerade abgeht und das war einiges.

Wie das Wagnis aussieht

Wer mit Kleinkind schon mal in den Urlaub gefahren ist, kennt in etwa die Situation, wenn auf einmal alles anders ist. Jetzt stellt euch das aber bitte minus Papa und plus erstmaliger Fremdbetreuung vor.

Minus Papa bedeutet, dass ich eben volle 24 Stunden für mein Kind alleine zu sorgen hatte. (Alleinerziehende Mütter mögen mir nachsehen, dass ich das besonders betone, aber ich kenne diesen Fall so nun mal nicht. Respekt an euch, dass ihr das wuppt!) Hieß also: Alleine anziehen, Zähne putzen, duschen, essen, ins Bett bringen, bespaßen etc. Was zuhause schon anstrengend ist/sein kann, ist es hier nochmal doppelt, zumindest in den ersten Tagen. Denn die ersten Tage bedeuten einfach für Mutter und Kind mit großer Wahrscheinlichkeit Stress. Schließlich müssen sich beide erst mal in die neue Situation einfinden, die manchmal auch gar nicht so leicht ist. Ironischerweise soll ja genau dieser Stress  in der Kur unter anderem bewältigt werden.

Mutter-Kind-Kur mit Kleinkind2
Was nicht ist, kann ja noch werden

Oweia, Fremdbetreuung

Wird das Kind zuhause über rund drei Wochen in die Kita eingewöhnt, geschieht das hier in rund 30 Minuten und zwar direkt am ersten Tag (nicht am Anreisetag). Ich weiß wie das klingt und ihr glaubt nicht wie schlecht ich mich gefühlt habe, mein weinendes Kind anfangs abzugeben. Aber mit Kind gibt’s nun mal keine Anwendungen und keine Therapien. Und hier ging es eben auch um mich.

Das durchzuziehen war nicht nur für mich, sondern auch für meinen Sohn am Ende ein Gewinn. Die Gewissensbisse sind durch die wirklich tollen Erzieherinnen und Therapeuten sehr bald verschwunden. Nicht zuletzt auch durch meinen Sohn, der sich nach einer Woche schon kaum noch aus der Kita hat abholen lassen wollen. Es hat ihm auch vorher schon gut gefallen, nur der Abschied fiel noch immer etwas schwer. Aber selbst das war irgendwann kein Thema mehr.

Mit 21 Monaten kannte er bisher noch keine Betreuung, erst in ein paar Wochen startet für ihn die Kita-Zeit. Schon nach wenigen Tagen habe ich aber gemerkt wie „reif“ er durch die neue Erfahrung geworden ist und wie stark er sich in manchen Bereichen entwickelt hat. Sei es der Umgang mit anderen Kindern oder auch die sprachliche Entwicklung. Natürlich muss das nicht jeder Mutter mit Kind so wie uns ergehen, aber es kann!

Nach ein paar Tagen war das Neue auch gar nicht mehr so neu und diese Tatsache hat mich deutlich entspannter werden lassen. So war es also: während der Therapien und Anwendungen wurde mein Kind betreut und ich hatte Zeit mich ganz auf mich selbst zu konzentrieren.

Wie ich mich in der Mutter-Kind-Kur erholt habe

Der Therapieplan war genau auf mich abgestimmt, dazu gehörten sportliche Aktivitäten wie Aqua Fit, Nordic Walking und Fitnesskurse; Entspannungsprogramme wie Autogenes Training; Gesprächsgruppen zu den Themen Erziehung und Stressbewältigung; und auch Eltern-Kind-Interaktionen wie das Familienschwimmen oder das Kinderturnen.

Was mir diese einzelnen Angebote gebracht haben, würde hier den Rahmen sprengen, aber in den nächsten Artikeln werdet ihr das herauslesen können. Jetzt soll es erst mal nur um die Mutter-Kind-Kur mit 1-jährigem Kleinkind an sich gehen.

Was ist mit Freizeit?

Davon gibt es mehr als erwartet. Aber wie füllt man die denn nun in einer fremden Umgebung ohne Mann und Vater? Gar nicht so leicht, aber auch nicht so schwer. Wir hatten großes Glück mit dem Wetter und so konnten wir unglaublich viel draußen unternehmen. Dazu gehörte das erste Mal mit dem Nachwuchs Fahrrad zu fahren. Er hat es geliebt auf diese Weise von Mama durch die Gegend kutschiert zu werden. Außerdem war nicht weit entfernt ein Baggersee, den wir mehrmals besucht haben. Ein ausgedehnter Spaziergang durch wirklich schöne Natur war sowieso immer drin. Aber auch die Freizeitangebote der Kurklinik für Mütter mit Kleinkindern waren gut. Nicht so abwechslungsreich und vielzählig wie für größere Kinder, aber da sind wir wieder bei den Erwartungen. Einfach das annehmen, was kommt und das Beste draus machen.

Aber nicht nur für Mutter und Kind gab es Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, auch ohne Kind bot die Klinik einiges an Sport- und Entspannungskursen an. Besonders begeistert war ich vom Faszientraining. Die Blackroll für zuhause ist schon bestellt. Viele dieser Kurse fanden zwar außerhalb der Betreuungszeit für Kinder unter drei Jahren statt, aber am Abend war das ab der zweiten Woche kein Problem mehr. Der Nachwuchs hatte seine feste Schlafenszeit und ich konnte mich unbesorgt mit Babyfon zum Entspannungskurs begeben. Praktischerweise war sowieso alles in einem großen Gebäude untergebracht, was die Wege sehr verkürzte. Bei dem straffen Zeitplan tagsüber manchmal gar nicht so schlecht.

Und sonst so?

Es war alles anders als zuhause, ich musste nicht putzen (nur hin und wieder mal den Sand zusammenfegen, der vom Spielplatz mit reingebracht wurde), nur einmal die Woche Wäsche waschen, nicht kochen, hatte außer den Terminen keine „Verpflichtungen“ und auch sonst einfach Zeit für mich und mein Kind.

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Gemeinsam Eis essen geht immer

Alles in allem kann ich sagen, dass ich versucht habe uns und mir den Aufenthalt so entspannt wie möglich zu gestalten. Das heißt, dass ich freie Zeit für mich und meine Interessen genutzt habe, dazu gehörte vor allen Dingen Lesen, Lesen und nochmal Lesen. Denn im Alltag kommen irgendwie immer 1000 Dinge dazwischen, die vermeintlich wichtiger sind. Dabei kann ich gerade beim lesen unglaublich abschalten und bin total im Hier und Jetzt.

Wenn ich mal nicht gelesen habe, dann habe ich versucht meine freie Zeit mit den besagten Freizeitangeboten, die mich interessieren zu füllen. Aber nicht nur für mich habe ich viele tolle neue Erfahrungen gesammelt auch mit Kind habe ich Neues erlebt. Denn trotz der Termine, die ich hatte, waren unsere Abläufe hier nach ein paar Tagen schon total eingegroovt und abgestimmt. Wir hatten eigentlich nie Zeitdruck. Alles lief entspannt und wir haben uns einfach treiben lassen. Wie gesagt, es hat trotz meiner Termine funktioniert und da wünsche ich mir, dass ich diese Entspanntheit bewahren und mit in den Alltag zuhause nehmen kann.

Fazit zur Mutter-Kind-Kur mit 1-jährigem Kleinkind 

Eine Mutter-Kind-Kur mit Kleinkind kann Stress bedeuten, denn alles ist anders als Zuhause, aber es kommt darauf an, was man draus macht. Nachdem ich mich mal von alten Mustern wie „Wir müssen aber gleich essen“, „Das räum ich eben schnell noch auf“, „Nein, dafür haben wir jetzt keine Zeit“, „Du musst jetzt wirklich ins Bett“ etc. verabschiedet habe, lief eigentlich alles wie von selbst. Ich hab es einfach hingenommen wie es ist, natürlich auch ein bisschen Erlerntes aus den Gesprächsgruppen zur Erziehung und Stressbewältigung angewandt und damit eigentlich genau die Erfolge erreicht, die ich mir erhofft hatte.

Ja, eine Mutter-Kind-Kur ist nicht der Alltag, aber gerade darum geht es ja. Der Fokus liegt viel mehr auf dem Wesentlichen und nicht mehr nur auf dem Notwendigen wie Haushalt, Verpflichtungen, Job, Termine etc.

Sich darauf zu konzentrieren hat mir mehr denn je gezeigt wie wichtig und unglaublich Kraft gebend es ist, auf sich zu achten und seine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Natürlich kann ich mir im „wahren Leben“ nicht wie hier jede Woche zwei Massagen gönnen oder am Tag zwei Fitnesskurse besuchen. So sollte man diesen Aufenthalt auch sicher nicht verstehen. Aber ich habe gemerkt, dass mir eben diese Dinge unglaublich gut tun, und dass es sowohl zeitlich als auch finanziell kein Problem darstellt, mir das auch zuhause in regelmäßigen Abständen zu gönnen. Zeit dafür freigeschaufelt hab ich mir ja schon. Wie, könnt ihr hier nachlesen.

Was Aktivitäten mit meinem Sohn angeht, so möchte ich auch da ein paar schöne Rituale, die wir hier eingeführt haben, weiterführen. Es sind zwar nur Kleinigkeiten, aber sie haben eine unglaublich entspannende Wirkung auf uns beide. Eines der wichtigsten Dinge ist dabei tatsächlich, das Handy einfach mal außer Reichweite zu lassen. In der Klinik hat es mir sowieso, dank furchtbar schlechtem Netz und nicht funktionierendem WLAN, nur wenig gebracht. Zeitweise hab ich sogar schon vermutet, dass das von den Betreibern vielleicht sogar Absicht gewesen sein könnte. Digitales Fasten inklusive.

Unglaublich viel gebracht hat mir auch der Austausch mit anderen Müttern. Wow, wir sitzen doch fast alle im gleichen Boot! Und ja, wir machen uns das Leben manchmal selber viel zu schwer. Zum Glück haben wir in der Kur gelernt, dass wir etwas dagegen tun können. Außerdem hab ich einen wahnsinns Respekt vor allen Müttern, denn, und das möchte ich wirklich betonen, wir wissen nicht, was manche so mit sich rumtragen und das hat selten etwas mit den Kindern zu tun.

Alles positiv? Gibt’s denn keine Nachteile?

Doch! Und die will ich euch nicht vorenthalten. Zum Einen: die Mahlzeiten. Die Buffetform ist ja ganz schön, aber der Saal in dem gegessen wurde war eigentlich ständig zu voll und zu laut. Das konnte mitunter ganz schön anstrengend sein. Aber auch da haben wir uns, wenn nötig, Abhilfe verschafft und uns mit dem Essen lieber auf das Zimmer zurückgezogen. Immerhin hat das sehr gut geschmeckt.

Zum Anderen: die Freizeit an den Wochenenden. Bei schönem Wetter alles kein Problem, bei mäßig gutem Wetter wurde es schon schwieriger die Entspannung der Woche zu halten. Gerade, wenn man, wie ich, ohne Auto in die Mutter-Kind-Kur gefahren ist und der Kurort nur bedingt viel zu bieten hat. Ja, es wurden auch Busfahrten in die nahegelegenen Großstädte angeboten. Aber auch das wollte ich mir mit Kleinkind ohne Papa ersparen. Was ich damit sagen will, in so einem Fall kann ein Wochenende schon mal echt lang werden. Also, entweder Auto mitnehmen oder bei schlechterem Wetter mit allem rechnen und klarkommen.

Eine Mutter-Kind-Kur hat Vor- und Nachteile. Aber wie ich mitbekommen habe, war das bei Müttern mit älteren Kindern nicht automatisch anders. Eine Mutter-Kind-Kur mit Kleinkind ist eben, was du draus machst! Wenn man sich auf dieses kleine Abenteuer einlässt und offen ist für alles Neue, das da kommen mag, dann kann man wirklich viel für seinen Umgang mit sich und den Umgang mit Kind mitnehmen. Und da muss ich sagen, je früher das geschieht, für desto besser halte ich es. Bedeutet: ein ganz klares „Ja!“ zur Mutter-Kind-Kur mit Kleinkind.

Ihr habt noch Fragen? Dann immer her damit!