Bedürfnisorientierte Erziehung ist kein Wettbewerb

Meinen Sohn nach der Geburt im Tragetuch zu tragen, war für mich praktisch und etwas ganz normales. Ihn bei uns im Familienbett schlafen zu lassen ebenso. Mal mit, mal ohne Einschlafbegleitung. Außerdem habe ich ihn 18 Monate lang nach seinen Bedürfnissen gestillt und hätte es noch länger getan, wenn das möglich gewesen wäre. (Warum es das nicht war, lest ihr hier.) Nicht, weil ich das Gefühl hatte, das alles tun zu müssen, sondern weil ich es wollte. Ja, das ist im Sinne einer bedürfnisorientierten Erziehung. Aber macht mich das zu  deshalb zu einer besseren Mutter als andere?

Bedürfnisorientierte Erziehung Attachement Parenting

Ganz oder gar nicht – wirklich?

Ich bin ein absoluter Befürworter der bedürfnisorientierten Erziehung, denn ich finde, dass sie viele alte, längst überholte Methoden gut erklärt widerlegt. Bei manchen wurde es auch allerhöchste Zeit. Aber zwei Sachen stören mich als Begleiterscheinung des sogenannten Attachment Parenting extrem: Zum Einen dieser häufig daraus resultierende vermeintliche Zwang nach Perfektion und zum Anderen die Verurteilung anderer.

Ich lese Artikel und Ratgeber zum Thema und trotzdem oder genau deswegen habe ich das Gefühl, es nie 100-prozentig richtig zu machen. Pardon, hatte ich! Denn ich habe mich von diesem Druck befreit. Ja, ich befürworte das bedürfnisorientierte Erziehen, aber ich kann und muss es nicht in jeder Sekunde hundertprozentig leben. Wie in so vielen Lebenslagen strebe ich danach, aber Perfektion ist nicht das Ziel.

Susanne Mierau hat in ihrem Buch „Geborgene Kindheit“ viele wundervolle Worte für das bedürfnisorientiere Leben mit Kindern gefunden, unter anderem diese:

Menschen müssen nicht perfekt sein. Eltern müssen nicht perfekt sein. Im Gegenteil: Es reicht, gut genug zu sein. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern liebevolle, authentische Eltern. Sie wollen von uns die gesamte Breite des Lebens kennenlernen, nicht nur die rosarote Sonnenseite. Das bedeutet nicht, dass wir schlecht mit ihnen umgehen sollen, aber es bedeutet, dass wir nicht alles auf die Goldwaage zu legen brauchen und uns einfach auch selbst liebevoll betrachten dürfen – nicht nur unsere Kinder. Wir dürfen uns von Zeit zu Zeit einfach auch selbst auf die Schulter klopfen und uns sagen: „Es läuft nicht alles rund, aber es ist gut, wie es ist.“

Weg von der Perfektion

Dass es Mütter gibt, die sich durch die bedürfnisorientierte Erziehung dennoch unter Druck gesetzt fühlen, habe ich erst gestern wieder gelesen. Es war ein Post bei Instagram, der mich nicht nur wütend, sondern regelrecht traurig gemacht hat. Die Essenz daraus war, sehr kurz gefasst, dass sich die Mutter überfordert gefühlt hat. In erster Linie deshalb, weil sie auf Instagram immer wieder von Müttern liest, bei denen die bedürfnisorientierte Erziehung auf Augenhöhe scheinbar mühe- und ausnahmslos funktioniert.

Aber wie so oft ist Instagram kein Abbild der Realität, sondern lediglich ein Ausschnitt daraus. Denn wenn wir uns an Social Media messen, können wir eigentlich nur versagen. Instagram zeigt nun mal selten den schlechten Tag mit Kind, das unordentliche Wohnzimmer oder den Kuchen, der im Ofen verbrannt ist. 

Aber ich bin deshalb ja keine schlechtere Bäckerin, nur weil ich mal einen Kuchen versemmel. Genauso wenig bin ich eine Mutter, die in der bedürfnisorientierten Erziehung versagt, nur weil sie mal nicht wie auf Seite 122 in Ratgeber „Soundso“ beschrieben, gehandelt hat.

Hin zur Authentizität

Es gibt Tage, da weiß ich, dass es mir schwer fallen wird jedem Bedürfnis meines Kindes richtig oder besser gesagt, angemessen zu begegnen, aber das akzeptiere ich. Ich gebe euch ein Beispiel:

Einmal im Monat bin ich PMS-bedingt nicht so gut drauf wie sonst. Welche Frau kennt das nicht?! Meistens kann ich mich und meine Gefühlswelt dann schlechter kontrollieren als sonst. Das heißt, wenn mein Sohn sich zum dritten Mal morgens die Hose wieder auszieht, obwohl es längst Zeit ist in den Kindergarten zu gehen, dann reißt mir der Geduldsfaden an solchen Tagen wesentlich schneller und vielleicht auch impulsiver. In diesen Momenten gelingt es mir auch nur selten abzurufen, was im Sinne der bedürfnisorientierten Erziehung jetzt wohl am besten zu tun wäre.

Ich weiß zwar, dass ich in solchen Situationen vieles besser machen könnte, aber nicht immer klappt das auch. Was ich aber tun kann ist, diese Momente im Nachhinein zu reflektieren. Und zu hinterfragen, was ich ändern kann, damit es beim nächsten Mal für uns beide (!) besser läuft. Denn bedürfnisorientiert Erziehen, bedeutet für mich:

Bedürfnisorientierte Erziehung für alle

Mein Kind bedürfnisorientiert zu erziehen gelingt, meiner Meinung nach, nur dann, wenn ich mir meine eigenen Bedürfnisse zugestehe. Gleichwertig! Denn Selbstaufgabe des Kindes zuliebe, damit tut sich niemand einen Gefallen, weder sich selbst, noch dem Kind. Auch ich muss mich dazu anhalten meinen Bedürfnissen zu folgen und unser aller Bedürfnisse miteinander zu vereinbaren.

Dazu nützt es nichts jeden Tipp aus jedem Ratgeber zu befolgen, um bedürfnisorientiert zu leben. Nicht jeder Moment des Tages muss und kann für alle optimal laufen. Aber das ist, wie schon Susanne Mierau schrieb, nicht Sinn und Zweck des Ganzen. Deshalb sollten wir lernen uns damit weniger zu stressen und nicht für Fehler, die passieren, zu verurteilen.

Nicht verurteilen, sondern verstehen

Sich selbst zu verurteilen ist das Eine, eine andere Mutter – womöglich aufgrund eines kurzen Ausschnittes aus ihrem Leben – zu verurteilen das Andere.

Egal, ob es die Mutter mit dem Handy auf dem Spielplatz ist oder die Mutter die das Kind, gegen seinen Willen aus dem Geschäft zerrt oder sogar die Mutter, die ihr Kind abends schreien lässt. Ja, das eine ist gravierender als das andere, aber wir kennen die Umstände nicht!

Das, was uns Müttern damals eine Psychologin in der Mutter-Kind-Kur erzählt hatte, warf beispielsweise ein vollkommen neues Licht auf diese berüchtigten Schlaftrainings. Sie sagte nämlich, dass solche Bücher allein aus dem Grund geschrieben werden, damit Eltern ihren Kindern nichts noch schlimmeres antun als sie schreien zu lassen. Und wir alle kennen die Geschichten von Babys die zu Tode geschüttelt wurden, weil die Eltern vollkommen verzweifelt und nervlich am Ende waren. Schreien lassen ist kein schöner Weg, aber vor diesem Hintergrund wahrscheinlich der bessere.

Natürlich sollte das nicht aus reiner Bequemlichkeit erfolgen. Ich glaube aber auch, dass es für viele Mütter eher aus einer Art Hilf- und Ratlosigkeit heraus geschieht. Jeder hat eben eine andere Selbsterhaltungs-Grenze und wo die liegt, weiß nur diejenige Mutter selbst. Auch ich hatte eine Phase in der mir der Schlafentzug und das ständige Funktionieren müssen arg an die Substanz ging. Ich habe aber schnell gemerkt, dass das Schlaftraining nicht unser Weg ist und ich es einfach nicht ertrage mein Kind schreien zu lassen.

Dass ich damals für mich einen alternativen Umgang mit der Situation gefunden habe, habe ich sicher auch einigen Ratgebern zur bedürfnisorientierten Erziehung sowie Tipps anderer Mütter, die bedürfnisorientiert erziehen, zu verdanken.

Bedürfnisorientierte Erziehung Attachement Parenting

Besser ein Tipp zu viel als zu wenig

Dennoch: So wertvoll Tipps aus Ratgebern, Artikeln, Social Media und von anderen Müttern auch sein können, nicht jeden davon müssen wir umsetzen. Sie sind keine Navigationsgeräte, die uns sagen, wo’s lang geht, sondern lediglich Landkarten, die uns zur Orientierung dienen. Den Weg müssen wir schon selbst gehen und sich dabei mal zu verlaufen, gehört eben dazu. Zwar wird es deshalb immer wieder Momente geben, die uns zweifeln lassen, aber das ist auch okay. Sie sollten uns nur nicht verzweifeln lassen.

Noch ein Tipp von mir: Wenn ihr in irgendeiner Situation immer wieder an dieselben Grenzen stoßt, dann denkt daran, es gibt (in den meisten Fällen) auch noch einen Papa. Lasst ihn einfach mal machen. Er ist in manchen schwierigen Situationen vielleicht weniger voreingenommen als ihr, weil er beruflich bedingt, das Kind seltener sieht. Folglich hat er die Situation im Gegensatz zu euch nicht schon zig Mal am Tag durchlebt. Da ist es meiner Meinung nach vollkommen legitim, die Verantwortung auch mal abzugeben.

Denn (bedürfnisorientierte) Erziehung ist immer noch Elternsache, nicht nur Muttersache. 

 

Meine Buchempfehlungen zum Thema (Hierbei handelt es sich um Affiliate Links. Wenn ihr über diesen Link den Artikel kauft, erhalte ich dafür eine kleine Provision. Euch kostet das keinen Cent extra.):

Geborgen wachsen: Wie Kinder glücklich groß werden und Eltern entspannt bleiben

Geborgene Kindheit: Kinder vertrauensvoll und entspannt begleiten

Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn: Der entspannte Weg durch Trotzphasen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu